„Kannst du Kung-Fu?“

Wenn ich mit meiner Mönchsrobe durch New York gehe, begegne ich oft kleinen Jungen, die Bruce Lee nachahmen, wenn sie mich sehen. Zuerst verstand ich nicht, warum sie das taten, aber ziemlich schnell wurde mir klar: Sie glaubten, jeder mit einem rasierten Kopf und einer Mönchsrobe sei in Kampfkünsten bewandert. Ein Junge fragte mich sogar, ob ich Kung-Fu könne, so wie die chinesischen Mönche aus dem Shaolin-Tempel. 
Wenn Erwachsene herausfinden, dass ich ein buddhistischer Mönch bin, fragen sie neugierig. „Welche Meditationsart praktizierst du?“, oder: „Wie viele Stunden sitzt du jeden Morgen? Bestimmt hast du geistigen Frieden erreicht.“

Obwohl die Annahmen der Kinder und der Erwachsenen sich unterscheiden, zeichnen sie sich doch durch eine Übereinstimmung aus: Wenn es darum geht, sich die Identität eines Mönchs vorzustellen, konzentrieren sich die Menschen des Westens tendenziell auf sein Verhalten.

In Korea erwarten mich andere Fragen. In der U-Bahn könnte mich jemand fragen: „Wo ist Ihr Heimatkloster?“, oder: „In welchem Tempel leben Sie derzeit?“  Für Koreaner ist jemandes Identität damit verknüpft, aus welcher Stadt er kommt, unabhängig davon, was er tut. Koreaner sind auch von der Universität besessen, an der sie studiert haben. Ein gutes Beispiel ist Steve Jobs, der Mitbegründer von Apple. Jobs besuchte das Reed College, brach das Studium jedoch nach einem Semester ab. Wäre Steve Jobs Koreaner gewesen, hätte sich sein Ausbildungshintergrund als enormes Hindernis für eine erfolgreiche Karriere erwiesen.

Das beschäftigt mich. Wenn wir die Identität eines Menschen so auffassen, als sei sie hauptsächlich in seiner Heimatstadt verwurzelt oder in der Schule, an der er seinen Abschluss gemacht hat, dann betrachten wir nur seine Vergangenheit und achten nicht auf seine aktuellen Fähigkeiten oder seine Zukunftsvision.

Immer wenn Jungen mich fragen, ob ich Kung-Fu kann, ist das für mich eine Gelegenheit, über mein Leben nachzudenken. Verhalte ich mich wie ein spiritueller Lehrer? Oder bin ich selbstzufrieden und nachlässig in meiner Identität geworden. Und wenn ich jemanden neu kennenlerne, gebe ich mir dann die Mühe herauszufinden, wer er hinter den offenkundigen Zeichen seiner sozialen Zugehörigkeit ist? Oder reduziere ich Menschen auf ihren Hintergrund und erkenne ihr wahres Wesen nicht? …

 

Wie es weitergeht erfahren Sie in dem Buch von Haemin Sunim  „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“.

 

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